Pfarreiengemeinschaft

Treis-Karden

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St. Castor
Karden
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Die Geschichte der Orgel


Im Jahre 1970 fand sich bei der Renovierung der Orgelempore unter dem Fußboden ein Holztäfelchen mit folgender Aufschrift: „ANNO 1728 DEN 21, AUGUSTI HATT DISSE SCHREINERARBEIT VERFERTIGT JOES ERNESTUS PÜTZ, GERICHTS-SCHEFFEN ALLHIER ZU GARDEN". Der Kardener Handwerksmeister dokumentierte damit seine Arbeit an der Empore, die vor der Westwand für die neue Barockorgel errichtet worden war.


Prof. Dr. Ferdinand Pauly, Kirchenhistoriker in Trier, bestätigte 1978 diese Zeitangabe. Er fand sie belegt durch einen Eintrag in der sog. „Kirchenfabrik" des Stifts in Karden. Gemeint ist ein Heft mit handschriftlichen Aufzeichnungen in lateinischer Sprache über Einnahmen und Ausgaben für den Kirchenbau von St. Castor.1 Ferdinand Pauly berichtet darüber: „Unter dem 4. Dezember 1728 erhielt der Orgelbauer Stumm aus Rhaunen-Sulzbach aus dem Hunsrück in der Endabrechnung nach bereits bezahlten 300 Reichstalern nochmals 510 Reichstaler, seine Frau und drei Söhne, die bei der Aufstellung geholfen hatten, 20 Reichstaler als Trinkgeld,.. ."2 An diesem 4. Dezember feierte das Stift St. Castor die Weihe der großen neuen Orgel. Johann Michael Stumm (1683-1747) war mit seiner Frau und den ältesten Söhnen Joh. Philipp (1705-1776), Joh. Nikolaus (1706-1779) und Joh. Heinrich (1715?-1788) zu diesem Fest nach Karden gekommen.


Die älteste Nachricht über eine Orgel in St. Castor stammt aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Zur Erhöhung der Festfeier des Agnestages (21. Januar) machte der Vikar des Altars St. Agnes, Wirich von Lützingen, eine Stiftung, damit die 1. Vesper (am Vorabend) mit Orgelbegleitung gesungen werden konnte.3 Also gab es um 1350 eine Orgel in St. Castor. Dieselbe ist wohl bald nach 1300 aufgestellt worden, da das frühgotische Langhaus um diese Zeit vollendet war. Wahrscheinlich stand die gotische Orgel im westlichen Joch vor der nördlichen Hauptschiffwand.


Rund 400 Jahre diente sie bereits dem Lob Gottes, als das Stiftskapitel von Karden Johann Michael Stumm, den Begründer der berühmten Orgelbauerfamilie Stumm, mit dem Bau einer neuen großen Orgel für die Stiftskirche beauftragte. Wenige Jahre zuvor, 1721-1722, hatte Stumm für die Stiftskirche in Münstermaifeld ein zweimanualiges Werk gebaut. Leider blieb von dieser Orgel nur das Gehäuse erhalten.


Für Karden schuf Johann Michael Stumm seine erste nachweisbare dreimanualige Orgel mit Hauptwerk (Oberwerk), Rückpositiv und Echowerk (im Kasten unter dem Hauptwerk) sowie dem Pedal4.


Der Orgelprospekt auf der Empore vor der Westwand bringt in das frühgotische Hauptschiff einen zurückhaltenden aber deutlichen barocken Akzent. Auf dem schmalen Untergehäuse ruhend streben die drei Türme des Hauptwerkes hoch in den gewölbten Raum. Sie sind bekrönt mit lebensgroßen Figuren. Auf dem mittleren Turm steht König David mit der Harfe, auf den beiden Nebentürmen je ein Tuba blasender Engel.


Bei allen Türmen und Feldern ist oben über die Pfeifen vergoldetes Schnitzwerk gelegt und von den Prinzipaltürmen schauen Engelsköpfe herab. Ein Feston aus geschnitzten Blüten und Früchten, das in zarten Pastelltönen gehalten ist, hängt über der Spielanlage. Das Rückpositiv - in die Mitte der Emporenbrüstung gestellt - gibt den Hauptprospekt in verkleinerter Umkehrung wieder. Auch seine Türmchen waren ursprünglich mit Engeln besetzt. 1882 wurden sie leider entfernt.


„Der von Johann Michael Stumm in Karden erstmals realisierte Orgeltyp zeichnet sich durch besondere Ebenmäßigkeit sowohl des äußeren Bildes als auch der inneren Anlage aus. Er ist in dieser Hinsicht von den verschiedenen Orgelmodellen des Meisters, die sich alle durch hohe Qualität auszeichnen, das gelungendste."5


1Landeshauptarchiv Koblenz: Bestand Nr. 717. Ausgaben

2PAULY, Ferdinand: Das Stift St. Kastor in Karden an der Mosel. Berlin 1986. 29

3Ebd. 29

4BÖSKEN, Franz: Die Orgelbauerfamilie Stumm aus Rhauen-Sulzbach, Mainz 1960, Neuausgabe 1981.12

5EPPELSHEIM, Jürgen: Festvortrag in Karden, 17. Juni 1973

Veränderungen und Wiederherstellung


Am 16. März 1763 wurde Franciscus Claus (aus Cochem) zum Organisten gewählt, der gleichzeitig Orgelbauer war. So erhält er am 2. Juli den Auftrag, die noch fehlenden Register anzufertigen."6 Er besetzte den Platz des dritten Pedalregisters mit einer Posaune 16' und fügte im Rückpositiv das bereits von Stumm vorgesehene Cromhorn 8' hinzu.


In einem Brief von 1838 - 110 Jahre nach der Fertigstellung der Orgel - steht die Bemerkung, dass die Orgel heute noch in einem Zustand sich befindet, als wenn ihre Aufstellung erst vor wenigen Tagen erfolgt wäre.


Der Orgelbauer L. Bröcher aus Merzig unterzog das Werk im Jahre 1901 einer gründlichen Reparatur. Dabei erfolgten einige Veränderungen, welche den Klang der Orgel dem Zeitgeschmack annähern sollten. Die Mixtur des Hauptwerkes wurde von vier auf drei Chöre reduziert; im Rückpositiv wurde sie ganz entfernt. An ihre Stelle trat ein Geigenprinzipal 8'.


Schwerwiegende Veränderungen, die leicht zu einer totalen Zerstörung des originalen Bestandes hätten führen können, erfolgten im Jahre 1935. Die barocke Empore, einst nur für die Orgel geplant, bot dem Kirchenchor nicht genügend Platz. Darum wurde das Untergehäuse mit mechanischer Spielanlage und Echowerk entfernt, dazu das Hauptwerk höher gesetzt, so dass die Sänger darunter stehen konnten. Man elektrifizierte die Traktur, stellte einen separaten Spieltisch seitlich auf die Empore und schloss zunächst lediglich elf Register des Hauptwerkes an. Der neue Spieltisch sah nur zwei statt der bisherigen drei Manuale vor. Das Echowerk sollte durch ein Oberwerk ersetzt und dieses auf das zweite Manual gekoppelt werden.


Es war wohl die Faszination der technischen Möglichkeiten, die diesen - heute unverständlichen - Eingriff in das historische Werk auslöste. Der für 1939 vorgesehene weitere Umbau der Orgel wurde durch den Kriegsbeginn vereitelt. Zwar stand die Orgel über dreißig Jahre unvollendet, aber wesentliche Teile des originalen Bestandes blieben dadurch erhalten.


Inzwischen hatte ein Umdenken eingesetzt. Die Erhaltung der alten wertvollen Instrumente stand im Vordergrund. Nach der Restaurierung der Stiftskirche im Jahre 1954 bemühte sich Pfarrer Franz Brühl bereits 1957 um die Orgelrestaurierung.


Orgelbauer und Wissenschaftler planten gemeinsam die Rückführung des Werkes in einen Zustand, der dem ursprünglichen entsprach: Rekonstruktion eines Untergehäuses; Pedalanlage am originalen Ort; Echowerk mit originaler Schleiflade im Untergehäuse; Spielanlage wie die ursprüngliche in der Front des Untergehäuses mit rein mechanischer Spiel- und Registertraktur. 1963 wurde mit den Arbeiten begonnen. Seitdem ist der Tonumfang um 15 Töne bis f erweitert. Die Quintflöt 1-1/2' erhielt infolge eines Missverständnisses die nicht originale Repetition.


Bedingt durch die umfassenden Sanierungs- und Restaurierungsmaßnahmen an der ehemaligen Stiftskirche St. Castor dauerte es bis 1973, ehe die große Stumm-Orgel an ihrem angestammten Platz wieder aufgestellt werden konnte.


Mit der Orgelweihe am 18. März 1973 und dem Orgeltag am 17. Juni 1973 wurde die gelungene Restaurierung des bedeutenden Orgelwerkes durch die Firma Johannes Klais Orgelbau KG, Bonn, abgeschlossen.


Im Jahre 2009 wurden gravierende Schimmelpilzbildung an der Orgel und am Spieltisch festgestellt, die ein schnelles Handeln notwendig machten und von der Orgelbaufirma Krawinkel aus Trendelburg/Deisel bereits im Herbst 2009 beseitigt wurden. Chefintonateur Herr Thomas Heinemann der Firma Krawinkel führte die Intonationsarbeiten aus.


6 BÖSKEN, Franz: Wie Fußnote 4. 73

Text: Helmut und Annemarie Ritter

Die Stumm-Orgel in der Stiftskirche St. Castor in Karden